Erinnerung an eine andere Zeit
Die Sonne versank allmählich hinter dem Horizont und die Dämmerung senkte sich nieder über der Landschaft. Rot, feurig rot war der Himmel. Adirja betrachtete sich dieses Farbenspiel und reckte die Nase in die Luft. Ein leichter Windhauch wehte um sie herum und zerzauste ihr das Haar. Es roch nach Frühling. Adirja saß auf einem dicken, runden Stein am Bach und war in Gedanken versunken. Die Vögel begannen, leiser und verhaltener zu zwitschern, die Nacht senkte sich langsam herab. Adirja genoß die laue Frühlingsluft noch eine Weile, bevor sie aufbrach, der Nacht entgegen. Sie saß auf dem Stein und träumte von einer anderen Zeit, einer Zeit vor dieser hier. An eine Zeit, in der sie noch glücklich war, glücklich und nicht so einsam, so alleine wie jetzt. Adirja seufzte. Eine ganze Weile war es nun schon her, daß das Mädchen zufrieden war mit sich und der Welt. Adirja seufzte abermals.
Mittlerweile war es schon ziemlich grau am Himmel. Die Dunkelheit war nicht mehr fern. Es war Zeit für das Mädchen, zu gehen. Langsam erhob es sich, kuschelte sich in seine Jacke ein und machte sich auf den Heimweg. Die laue Frühlingsluft machte sie nachdenklich wie schon lange nicht mehr. Selbst die heraufziehende Kälte konnte nicht über den anbrechenden Frühling hinwegtäuschen. Adirja war traurig. Trotz des Frühlings, der in der Luft lag. Oder gerade deswegen? Schon lange hatte Adirja keinen Freund mehr gehabt, keinen Mann, der sie liebte, sie umsorgte, sie auf Händen trug. Schmerzlich waren die Erinnerungen an die vergangene Zeit, in der sie glücklich mit ihrem Schatz durch die Wälder streifte, die Natur genoß, Zärtlichkeiten austauschte. Nein, einen solchen Menschen würde sie niemals wieder treffen, dessen war sie sich sicher. So traumhaft, zu wunderschön war die gemeinsame Zeit. Und plötzlich war er fort. Einfach so. Ohne eine Erklärung, ohne Grund. Adirja war sehr verzweifelt zu der Zeit, doch hatte sie viele Freunde, die ihr Trost spendeten, Halt gaben. Nein, über mangelnde Freundschaften konnte die mittlerweile doch schon junge Dame nicht klagen. Aber es war nicht dasselbe, Freunde zu haben – oder einen Mann, der für seine Freundin da ist, egal was kommt.
Adirja schlenderte über die noch kargen Wiesen und das kleine Wäldchen, fort vom Bächlein, an dem sie und Mitrosch so oft gesessen hatten, redeten – oder auch einfach nur die Natur genossen. Viel waren sie draußen mit ihren Rädern, fuhren weite Strecken und hatten Spaß. Doch heute war Adirja zu Fuß unterwegs. Am Ende des Wäldchens angekommen, fiel sie in einen leichten Laufschritt. Die Tränen rannen ihr über die Wangen. Nein, nicht wegen der Vergangenheit. Sie sehnte sich zwar wieder Geborgenheit herbei, aber sie trauerte Mitrosch nicht mehr nach. Nicht mehr ... Doch die Einsamkeit fraß sie allmählich auf. Zumal sie in ihrem kleinen Studentenzimmer auch noch wenig Besuch empfangen konnte. Dafür war einfach nicht der Platz vorhanden. Dann lag es auch noch recht weit außerhalb, so daß ohnehin nur selten und wenige Leute zu ihr fanden. Aber dafür war Adirja nahe an der Natur.
Dort, da kam das kleine Hexenhäuschen in Sicht, in dem das Mädchen ein Zimmer bei einer netten alten Dame hatte mieten können. Sie mußte ihr ein wenig helfen, aber dafür war das Zimmer fast umsonst. Und die alte Dame war sehr genügsam und forderte nicht viel von Adirja als ein klein wenig Aufmerksamkeit und ab und zu am Abend eine vorgelesene oder erzählte Geschichte. Das machte Adirja Spaß, und daher hatte sie sich auch noch nicht nach einem anderen Zimmer umgesehen.
Doch was war das? Kaum war das Häuschen in Sicht, da blitzte etwas auf vor dem Mädchen. Wie ein Blitz zuckte es über den dunklen Himmel! Adirja blieb stehen und schaute angestrengt in die Richtung, aus der das grelle Licht kam. Doch alles blieb dunkel. Vorsichtig ging sie weiter, blickte angestrengt nach allen Seiten – doch erblickte weiter nichts als schwarze Nacht. »Merkwürdig«, dachte sie bei sich. Da, wieder ein Blitz – und ein schrilles Geräusch. Adirja fuhr zusammen. Dann war wieder absolute Stille und Dunkelheit. Ein wenig zitternd und ängstlich ging sie zum Haus. Dort stand unter dem kleinen Vordach über dem Eingang ein Mann. Ehrfurcht erweckend stand er da, auf einen schön geschwungen gearbeiteten Holzstab gestützt und mit einem großen, spitzen Hut auf dem ergrauten Haar. Doch Angst flößte er nicht ein. Adirja ging langsam zu ihm hin. »Wer seid Ihr?« wollte das Mädchen fragen – doch der Mann begrüßte sie im gleichen Moment, als das Mädchen Luft holen wollte: »Ich habe Dich erwartet, Adirja.« Das Mädchen zuckte zusammen. Diese Stimme kannte sie! »Mitrosch?«, fragte sie. Der Mann lachte. »Nein, ich bin nicht Mitrosch. Mein Name ist Elrinad.« Adirja schaute verwirrt zu der schlanken Gestalt hinüber. »Woher wißt Ihr denn, wer ich bin?« Das Mädchen war sehr verunsichert. Elrinad lachte laut auf: »Kindchen, ich weiß viel, doch woher braucht Dich nicht zu kümmern.« Der Mann machte einen Schritt auf Adirja zu und nahm ihre Hand. »Folge mir ...« – und Adirja verschwamm alles vor Augen.
Als sie wieder klarer sehen konnte, waren sie in einer bezaubernden Landschaft voll mit bunten Blumen und schönen Bäumen. Adirja war fasziniert. »Wer Ihr seid weiß ich nun, wenn auch nur Euer Name mir genannt ward ... doch was seid Ihr?« Abermals lachte der Mann. »Ich bin Elrinad, Zauberer von Broior. Reicht Dir das jetzt?« Schmunzelnd blickte die hochgewachsene Persönlichkeit Adirja an. Sie fröstelte es. »Ich kann mit alledem nichts anfangen ... Wo sind wir hier?« Das Mädchen schaute sich um. Überall waren Pflanzen und Tiere – doch nirgendwo ein Mensch. »Das alles scheint mir so vertraut und doch so fremd.« Elrinad richtete sich hoch auf und sprach: »Es wundert mich nicht, daß dies alles Dir so vertraut und doch so fremd erscheint. Dies hier ist Deine Welt, Dein Traumland!« Adirja blickte stumm umher. »Aber warum sind denn dann keine Menschen hier? In meinen Träumen kommen doch Menschen vor!« Elrinad lächelte sie an: »Nein, es kommen keine wirklichen Menschen vor. Es sind Menschen, wie sie in Wirklichkeit nicht sind. Doch diese Pflanzen hier sind wirklich.« Adirja staunte: »Warum sind denn die Menschen in meinen Träumen nicht wirklich?« Elrinad nahm sie abermals an die Hand und ging mit ihr einen schmalen Pfad auf der Wiese entlang.
»Siehst Du dort die Schmetterlinge? Sie sind so wie Du sie siehst, sie verstellen sich nicht. Und die Bäume dort drüben, sie wandeln sich nicht im Schein. Doch die Menschen, Adirja, die Menschen wollen oftmals anderen Menschen Glauben machen, daß sie sind was sie scheinen, doch sie scheinen nicht wie sie wirklich sind.« Adirja blickte zu dem Alten hoch. »... und deshalb sind hier keine Menschen?« Sie sah in ein faltiges, aber sehr freundliches, weises Gesicht, das von vielen Ereignissen – schönen und schlimmen – zeugte. »Ja. Nicht alles ist so, wie Du glaubst, daß es ist.« – »Aber warum führt Ihr mich hierher? Warum sagt Ihr mir das? Was wollt Ihr von mir?« Der Zauberer lachte wieder. Es war ein freundliches Lachen. »Adirja, Du sollst Dir bewußt werden, daß nichts so ist, wie es scheint, was mit Menschen zu tun hat! Menschen geben nur selten preis, was sie wirklich sind. Das solltest Du Dir merken!« Der Zauberer sprach's und verschwand in einer Wolke bläulichen Rauches. »Hey, Elrinad! Elrinad! Ihr könnt mich doch hier nicht einfach alleine lassen! Was soll ich denn jetzt damit anfangen?« Des Zauberers Stimme erreichte das Mädchen wie aus einer fernen Halle: »Urteile nicht gleich über die Menschen, mache Dir erst ein Bild von Ihnen – und glaube an Dich selbst. Dann wird auch irgendwann Dein Traumprinz erscheinen, und das nicht nur in Deiner Phantasie!« Kaum waren die letzten Laute verhallt, da verschwammen die Bilder erneut vor Adirjas Augen – und als sie aufwachte, fand sie sich unter dem Baum vor ihrem Fenster sitzend wieder. Sie blickte hoch in den sternklaren Himmel. Dort glaubte sie, Elrinads Gesicht zu erblicken, wie es über sie wacht. Adirja stand auf und ging ins Haus. Die alte Dame schien von alledem nichts mitbekommen zu haben. Adirja jedenfalls bemerkte das Schmunzeln in ihrem Gesicht nicht ...