Kristallwelt
Es war einmal ein Mädchen, das lebte mit seinen Eltern in einer kleinen Hütte am Rande eines Dorfes. Man nannte das Mädchen Maretta, und das Dorf lag inmitten einer Waldlichtung. Die Bewohner waren Bauern und Waldarbeiter, Tischler, Schreiner, Zimmerleute, Schneider, und sogar einen Arzt gab es. Es waren recht einfache Leute, die die Natur liebten.
Auch Maretta liebte die Natur. Oft nahm sie ihr Pferd am Zügel und spazierte mit ihm durch den Wald und über die dahinterliegenden Wiesen und Felder, oder sie ritt stundenlang durch die Umgebung – ganz alleine, nur mit ihrem Schimmel, den Tieren und den Pflanzen. Auch heute ging Maretta gerade wieder in den Stall, als sie einen kleinen Menschenauflauf auf dem Dorfplatz bemerkte. Was war dort? »Komm mit, Moreno, da schauen wir vorbei.« – Sie nahm ihr Pferd beim Zügel und ging zum Dorfplatz. Maretta schob sich durch die Menge nach vorne und erblickte einen großgewachsenen Mann mit einem schwarzen, weiten, langen Mantel, einem großen, schwarzen Hut und einem Stock. In seiner rechten Hand hielt er eine gläserne Kugel. »Diese Kugel ist eine Wunschkugel! Wer sie in der Hand hält, kann in eine andere Welt reisen. Wer möchte sie ausprobieren?« Ein Raunen und Murmeln ging durch die Menge. »Ich!« Die Leute verstummten, und alle Blicke richteten sich auf die Person, die wiederholte: »Ich! Ich möchte bitte in eine andere Welt reisen.« Maretta zog Moreno hinter sich her in die Mitte der Menschenmenge. »Darf ich ...?« Sie streckte die Hand aus. »Du willst Dein Pferd mitnehmen?« »Ohne Moreno will ich keine neue Welt kennenlernen!« »Hm, ist ja schon gut, aber es funktioniert dann nur, wenn Du und Dein Moreno alleine irgendwo seid. – Hier ist die Kugel.« Der Mann rieb sie mit einem weichen, weinroten Tuch ab, legte das Tuch über Marettas Hand und die Kugel dort hinein. »Wenn Ihr zwei allein seid, setzt Du Dich auf Dein Pferd, reibst sanft die Kugel mit dem Tuch und sprichst die Worte: ›Zeige uns die Welt!‹« Maretta schlug die gläserne Kugel vorsichtig in das Tuch ein, steckte das Bündel in ihre Tasche, bedankte sich und wollte gehen. »Halt«, sagte der Fremde. »Wenn Du wieder zurück willst, mußt Du wieder die Kugel reiben und sagen: ›Bring uns zurück!‹ Dann werdet Ihr Euch dort wiederfinden, wo Ihr zu Beginn Eurer Reise wart.« – »Danke schön«, sagte Maretta, schwang sich auf Moreno und ritt in den Wald. Unter einer alten Eiche hielt das Mädchen an, ließ sich vom Pferderücken gleiten und setzte sich an den Baum. Moreno zupfte die spärlich wachsenden Grashalme ab, und der Wind zerzauste seine Mähne. Das Mädchen griff in seine Tasche, um die Glaskugel herauszunehmen. Es drehte und wendete sie in den Händen, betrachtete das Gebilde und murmelte vor sich hin: »Moreno, was meinst Du, ob wir eine Reise in diese andere Welt wagen sollen? Was uns da wohl erwarten mag?« Maretta stand auf, ging zu ihrem Schimmelhengst und saß auf. Vorsichtig rieb sie mit dem Tuch über die Kugel, hielt sie vor sich hin, betrachtete sie eingehend und sprach: »Zeige uns die Welt!« Und plötzlich verschwamm alles um die beiden herum, es blitzten helle Punkte auf, und Moreno wieherte beunruhigt. Kurz darauf war es schwarz um Maretta und Moreno. »Wo sind wir denn hier gelandet?« Maretta griff ganz fest in die Mähne ihres Pferdes. Moreno stampfte unruhig mit den Hufen – und das klang ganz seltsam, irgendwie gläsern. – Langsam schwand die Dunkelheit immer mehr, und Maretta erkannte etwas von der Umgebung: sie befand sich immer noch auf Morenos Rücken. Doch die Umgebung war sehr merkwürdig: es war alles durchsichtig, gläsern, aus Kristall – der Weg, die Bäume, die Blumen, die Steine am Wegesrand – einfach alles. Maretta ritt den Weg entlang, auf dem sie sich befanden, sich immer wieder staunend umsehend. Sie ritten einen Hügel hinauf, und oben angekommen eröffnete sich ihnen ein Blick in ein wunderschönes Tal mit einem Fluß. Moreno strebte sogleich dem Wasser entgegen – und mußte enttäuscht feststellen, daß das Flußbett nicht mit Wasser gefüllt war. Vielmehr befanden sich darin kleine Kristallbruchstücke. Maretta trieb ihren Hengst um einen weiten Hügel herum. Dort lag ein Dorf, dessen Hütten ebenfalls aus Kristall waren. Das Mädchen ritt näher an das Dorf heran und traf auf menschenähnliche Wesen: sie sahen aus wie Menschen, bewegten sich wie Menschen, verhielten sich wie Menschen – aber sie waren durchsichtig: aus Kristall! Maretta nahm all ihren Mut zusammen und ritt auf den Dorfplatz. Sofort kamen Kristallkinder an, versammelten sich um Pferd und Reiterin und fingen an, Moreno zu tätscheln und zu streicheln. Moreno ließ sich das gerne gefallen, denn er war ein äußerst eitler Hengst, der gerne beachtet werden mochte. Maretta sah sich um. Da, dort kam ein erwachsener Kristallener auf den Dorfplatz. »Entschuldigung, könnt Ihr mir vielleicht sagen, wo ich hier bin?«, rief Maretta ihm entgegen. Der Kristallmann kam näher. »Dies hier ist Ogon.« »Ogon ...?« »Ja, so nennt man dieses Dorf.« – »Und wo liegt dieses Ogon?« Maretta war verunsichert. »Ihr zwei kommt wohl nicht von dieser Welt? – Diese Welt heißt ›Kristallwelt‹, denn alles ist kristallen.« »Ja, das sehe ich.« »Mein Name ist Arigor. Wo kommst Du mit Deinem Pferd her, und wie seid Ihr auf diesen Planeten gekommen?« »Wir ... wir kommen von der Erde, aber wie wir hierher gekommen sind, weiß ich auch nicht so genau ... Ich heiße übrigens Maretta, und das ist Moreno.« Das Mädchen war inzwischen abgestiegen und deutete bei ihren letzten Worten auf den Hengst. Dieser scharrte schon ganz ungeduldig im Kristallsand, denn er war hungrig und vor allem durstig. Maretta bemerkte es voller Unbehagen und fragte unsicher: »Arigor, könntet Ihr meinem Pferd vielleicht etwas Wasser und Heu geben?« »Selbstverständlich. Kommt mit, Ihr zwei.« Arigor ging die breiteste der Straßen entlang, und das Mädchen folgte mit Moreno. An einem Haus mit einer Scheune hielt Arigor an. Sogleich kam ein Junge von vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahren heraus. »Barun, bring bitte unseren vierbeinigen Gast in den Stall und versorge ihn.« »Ja, Papa.« Der Junge nahm Maretta mit einem Lächeln die Zügel aus der Hand und verschwand mitsamt Moreno in dem Gebäude, das Maretta als Scheune identifiziert hatte. Sie schaute sich Haus und Scheune genau an und stellte fest, daß auch diese aus Kristall waren. Völlig durchsichtig. Man konnte alles sehen, was darin war, aber das war nicht ganz so schlimm, denn auch der ganze Inhalt war kristallen. »Du mußt doch auch hungrig sein. Komm, Du sollst auch etwas zu essen und zu trinken bekommen. Arigor trat durch die Tür, und Maretta folgte zögernd. Der Kristallmann ging in einen Raum, der auf der anderen Seite lag und bot dem Mädchen etwas von den Speisen und Getränken an, die in Schüsseln und Krügen auf einem Tisch standen. Maretta sah, wie Arigor etwas von dem Essen nahm und sich in den Mund schob. Sie war völlig verwirrt. »Das ... das kann ich nicht essen!«, rief das Mädchen und blickte den Kristallmann mit großen Augen an. »Was? Warum denn nicht?« Arigor wunderte sich sehr. »Das ist ja alles aus Kristall. Ich kann doch keine Kristalle essen!« Maretta war entsetzt. Ganz bleich sah sie, wie die inzwischen heruntergeschluckten Speisen-Kristalle ihren Weg durch Arigors Körper nahmen. Verstört drehte sie sich um, rannte quer durch das Haus, raus auf die Straße, zu ihrem Pferd, ohne auf den verständnislos hinter ihr herrufenden Arigor zu achten. Maretta nahm Moreno am Zügel. Der Hengst hatte traurig vor seinem kristallenen Futtertrog gestanden und sein kristallenes Heu angeblickt, wobei er ein verständnisloses Aufihneinreden von Barun über sich ergehen lassen mußte. Maretta saß auf, trabte durch die Tür und fiel draußen sogleich in raschen Galopp. Vor und neben ihr flohen die Kristallhunde und -katzen vor Morenos laut auf den Kristallboden aufschlagenden Hufen. Erst als sie das Dorf weit hinter sich gelassen hatten, drosselte das Mädchen sein Tempo und hielt schließlich an. »Wie furchtbar«, sagte sie zu Moreno, »durchsichtige ... Menschen. Waren das überhaupt Menschen? – Na, nennen wir sie ›Kristallene‹. Sie essen und trinken Kristalle! Und man kann sehen, wie diese durch den Kristallkörper wandern. – Schrecklich ... durchschaubare Wesen.« Erschöpft glitt sie von Morenos Rücken, sank zu Boden und stützte den Kopf auf ihre Hände. Sie saß eine ganze Weile so da und dachte nach – bis Moreno sie ungeduldig anwieherte. Maretta sah ihren Hengst benommen an. »Ja, Du hast recht, es ist Zeit, nach Hause in unsere Welt zurückzukehren.« Sie saß auf, nahm die Kugel aus ihrer Tasche, rieb sie sanft mit dem Tuch und sprach: »Bring uns zurück!« Wieder verschwamm den beiden alles vor Augen, die Umgebung verdunkelte sich, Sterne blitzten auf und alles fing an, sich zu drehen. Maretta schloß die Augen, und als das Drehen aufgehört hatte, öffnete sie sie wieder und sah sich um: sie waren dort, wo sie auch schon vor der Reise waren, genau wie es der Fremde gesagt hatte. Sie hob die Hand, in der sie noch immer die Kugel hielt, betrachtete sie eingehend und sah doch nichts. Doch plötzlich fingen Figuren an, sich zu formen, bewegten sich und schienen zu rufen. Maretta erkannte Barun und Arigor. Entsetzt warf sie die Kugel weit weg, und diese landete mit dumpfem Glucksen im nahegelegenen See. Niemand sollte mehr diese seltsame Welt sehen, wo man alles durchschauen konnte. Das Mädchen hatte Hunger und Durst. Sie zupfte ihren Hengst, der sofort nach ihrer Rückkunft zu grasen begonnen hatte, am Führstrick. Eilig ritt sie nach Hause, versorgte Moreno und aß etwas. Als sie auf die Uhr schaute, waren nur fünfzig Minuten vergangen, aber Maretta war es vorgekommen wie ein ganzer Tag. Sie war entsetzlich müde und ging gleich in ihr Bett, obgleich es erst später Nachmittag war.