Das Wölkchen Rosenduft
Es war einmal ein junges Wölkchen. Seine Eltern nannten es »Rosenduft«, denn wer immer in seine Nähe kam, verspürte einen zarten Lufthauch, der nach Rosen duftete. Rosendufts Eltern waren stolz auf ihre kleine Tochter. Sie hatte es ganz schnell gelernt, sich mit dem Wind über den Himmel zu bewegen. Sie konnten sie schon ganz alleine ziehen lassen und derweil ein kleines Schwätzchen mit ihren Freunden, den anderen Schäfchenwolken, halten.
Eines Tages traf Rosenduft einen Vogel, der ganz dicht an ihr vorüberflog. »Wer bist denn Du? Du siehst aber interessant aus«, rief das Wölkchen ihm zu. Der Vogel flog ganz dicht zu Rosenduft hin und antwortete: »Wer ich bin? Ich bin Silberpfeil!« – »Silberpfeil – das ist ein wunderschöner Name ...«, sprach Rosenduft leise, ja fast andächtig. »Aber Du siehst ganz anders aus als die anderen Wolken.« – »Du kleines Dummerchen! Ich bin ja auch gar keine Wolke.« – »So, bist Du nicht?« – »Nein, ich bin eine junge Seemöwe.« – »Du bist wunderschön. Begleitest Du mich ein kleines Stück auf meinem Weg mit dem Wind?« Rosenduft blickte Silberpfeil ganz erwartungsvoll an. »Oooh, nein. Ich kann Dich leider nicht begleiten. Die Jungmöwe sah ganz traurig aus. »Meine Eltern warten auf mich. Ich bin das erste Mal alleine vom Nest fort, und meine Eltern sorgen sich sicher schon.« – »Schade ...« Rosenduft war betrübt. Vielleicht begegnen wir uns ja einmal wieder.« – »Ja, das wäre schön. Lebe wohl«, verabschiedete sich Silberpfeil. »Lebe wohl, liebe Möwe!«, rief das Wölkchen ihr noch einmal nach. Silberpfeil wurde immer kleiner, bis Rosenduft ihn nicht einmal mehr als kleinen Punkt am Horizont erkennen konnte. Traurig zog sie weiter.
Nach ein paar Tagen lag das Meer, das die Schäfchenwolkengruppe überquert hatte, weit hinter ihr, und die Berge kamen in Sicht. Zum ersten Mal erfuhr Rosenduft es, daß der sonst so weit entfernte Boden sich näherte, bis die Schäfchenwolken sich zum Verschnaufen um die einzelnen Gipfel der Bergkette herum niedergelassen hatten. Nach einer Weile kam ein junger Steinbock vorbei. »Hallo Möwe!«, rief das Wölkchen. Der Steinbock drehte sich ganz erstaunt zu Rosenduft um: »Möwe? Hier gibt es keine Möwen, denn hier gibt es kein Gewässer!« – »Aber eine Wolke bist Du nicht.« Rosenduft war verwirrt. »Natürlich bin ich keine Wolke! Sehe ich aus wie eine Wolke?« Der Steinbock stand hocherhobenen Hauptes und mit geschwellter Brust vor dem Wölkchen, warf den Kopf zurück und sagte stolz: »Ich bin ein Steinbock, der König dieser Berge.« – »Aha, ein Steinbock bist Du.« Rosenduft sagte diesen Satz ganz leise und bedrückt. »Was ist mit Dir?«, fragte der Steinbock, immer noch etwas herb im Ton. Das Wölkchen zog sein Gesicht tief in seinen bauschigen Körper hinein und sagte schüchtern: »Du machst mir Angst. Du bist so unfreundlich ...« Der Steinbock sah plötzlich ganz betreten aus. »Oh, das tut mir leid, wenn Du das so empfindest, aber glaube mir, ich meine das nicht so. Weißt Du, wir Steinböcke sind sehr eigensinnige, stolze Tiere, und manchmal merken wir es nicht, wenn wir andere Wesen verletzen. – Es tut mir leid.« – »Es ist schon gut.« Langsam streckte Rosenduft ihr Gesicht wieder hervor. »Ich wollte Dich nicht kränken, ganz bestimmt nicht«, beteuerte der Steinbock und trat ganz dicht an das Wölkchen heran. »Ich glaube Dir. Du bist wohl sehr temperamentvoll ...« – »Oh, es geht ... Mein bester Freund hat noch viel mehr Temperament als ich«, berichtete der Steinbock. »Aber jetzt muß ich weiterlaufen. Lebe wohl, und sei mir bitte nicht mehr böse.« – »Nein, ich bin Dir nicht mehr böse. Lebe wohl!« Der Steinbock lief davon. Nach einigen Sprüngen hielt er an, drehte sich noch einmal zu Rosenduft um und verschwand dann hinter dem Berg.
Rosenduft dachte noch lange über dieses Zusammentreffen nach, bis sie schließlich erschöpft einschlief.
Ein unsanftes Rütteln riß das Wölkchen aus seinen Träumen. Verursacht wurde dies durch einen heftigen Wind und die Eltern des Wölkchens, die alle an ihm zogen und zerrten. »Komm, Rosenduft, die Reise geht weiter«, rief der Vater seiner Tochter zu. Rosenduft rieb sich die Augen, räkelte sich noch einmal und folgte dann den anderen Schäfchenwolken. Der Wind trieb die Gruppe von hohen Bergen zu kleinen Bergen, Hügeln und schließlich über flaches Land. Rosenduft langweilte sich bald sehr, denn sie war in diesem Jahr die einzige Jungwolke, und es wollte auch einfach nichts aufregendes mehr passieren. Da Rosenduft ein Wölkchen mit sehr viel Phantasie war, dachte sie sich ein Spiel aus: Sie umflog die anderen Wolken und hatte viel Spaß dabei. Doch das war sehr anstrengend, und schon bald war das Wölkchen erschöpft. Als es sich wieder ein bißchen erholt hatte, dachte es sich ein neues Spiel aus: Es drehte sich immer wieder 'mal herum und flog rückwärts. So sah es nicht, wie die neuen Landschaften auf es zukamen, sondern wie sie sich entfernten. Rosenduft fand das sehr aufregend, und weil sie so sehr in ihr Spiel fasziniert war, schwand ihre Aufmerksamkeit immer mehr. Rosenduft sah gerade, wie das grüne Gras unter ihr sich in bunte Flecken verwandelte, als es einen unsanften Schlag gab. Rosenduft taumelte, konnte sich gerade noch einmal umsehen – und stürzte ab. Sie war mit einer anderen Wolke zusammengestoßen.Das Wölkchen fiel und sah die bunten Flecken immer näher auf sich zukommen, bis es nur noch den roten sehen konnte. Rosenduft kam sehr unsanft auf dem Boden auf und war eine ganze Weile sehr benommen. Wasserspritzer ließen sie wieder zu sich kommen. Das Wölkchen sah sich benebelt um; überall wo es hinblickte, überall um es herum waren wundervolle, wunderschöne Gebilde. Sie hatten rote Köpfchen auf grünen Stengelchen. Rosenduft war ganz fasziniert von diesem Anblick. »Was seid denn Ihr alle für wundervolle Gebilde?« – »Wir sind rote Rosen«, antwortete die größte und schönste Blume in Rosendufts Nähe. »Oh, hoffentlich habe ich Euch nicht weh getan mit meinem Sturz!« Rosenduft war besorgt. »Nein, keiner von uns ist etwas passiert, denn Du bist ja ganz weich. Wir haben eher gedacht, Dir sei etwas passiert. Darum haben wir unseren Morgentau auf Dich gespritzt, bis Du wieder zu Dir gekommen bist.« – »Vielen Dank, Ihr seid sehr lieb zu mir. – Wie war Euer Name?« – »Man nennt jede von uns ›Rose‹«, antwortete die größte Rose. »Rose – dann habe ich also wegen Euch meinen Namen bekommen.« Rosenduft sah die Rosen eine nach der anderen an. »Wie heißt Du denn?«, fragten ein paar vorwitzige Jungpflanzen. »Ich heiße – Rosenduft.« Die Rosen unter und neben Rosenduft schnupperten an dem Wölkchen und sagten: »Ja, Du riechst wirklich wie wir Rosen!« – »Dann weiß ich auch, wie ich Euch danken kann: Ich werde meinen Duft auf Euch alle verteilen. Dann duftet Ihr mehr als andere Rosen nach Rose.« – »Das willst Du für uns tun? Aber dann paßt doch Dein Name nicht mehr zu Dir!«, riefen alle Rosen, die Rosendufts Worte gehört hatten. Doch Rosenduft verteilte schon ihren Duft, und als sie fertig war, sprach sie: »Ich finde, der Duft paßt viel besser zu Euch Rosen als zu einer Wolke wie mir. Also seid beruhigt.« Rosenduft erhob sich mit diesen Worten wieder in die Lüfte, verabschiedete sich von den Rosen und flog davon. So kam es, daß es Rosen gibt, die einen stärkeren Duft verbreiten als andere Rosen.