Schmetterlings Trümmer

Es war einmal eine kleine Raupe. Sie fühlte sich fürchterlich einsam und alleine, denn keine der anderen Raupen mochte mit ihr spielen. Darüber war die kleine Raupe sehr, sehr traurig. Sie zog sich immer mehr zurück. Da wendeten sich auch diejenigen Raupen von ihr ab, die all die Zeit behauptet hatten, ihre Freunde zu sein. Die kleine Raupe merkte, daß es niemals richtige Freunde waren.

Eines Tages traf die Raupe einen großen, wunderschönen Schmetterling, der der Raupe zuhörte, als diese ihm sein Herz ausschüttete. Der Schmetterling hörte der Raupe zu – doch er sprach auch mit ihr. Er nahm die Raupe mit zu ihren vielen Bekannten. Darunter waren Raupen und Schmetterlinge, die die kleine Raupe zunächst jedoch kaum beachteten. Der Schmetterling jedoch war immer für die kleine Raupe da.

Irgendwann geschah es, daß sich die Bekannten des Schmetterlings plötzlich mit der kleinen Raupe beschäftigten, sie sprachen mit ihr, und sie trafen sich mit ihr – auch ohne den großen Schmetterling. Die kleine Raupe wunderte sich sehr über das so sehr veränderte Verhalten besonders eines Schmetterlings. Sie sprach mit ihrem Freund, dem großen Schmetterling, darüber. Dieser nahm die kleine Raupe bei der Hand und führte sie an einen kleinen See. Im klaren Wasser spiegelte sich der Himmel auf der glatten Oberfläche. Die Raupe beugte sich über das Wasser – und erblickte keine Raupe. Sie sah einen kleinen, gelben Schmetterling. Aus der Raupe war ein hübscher Zitronenfalter geworden!

Doch schon bald mußte der schöne, große Schmetterling den kleinen Zitronenfalter alleine lassen. Dieser war darüber sehr traurig und ging ebenfalls fort aus der Kälte seiner Heimat. Auf der neuen Blumenwiese, auf der er sich niederließ, traf er viele neue Bekannte: Käfer, Raupen und andere Schmetterlinge. Aus den Bekannten wurden Freunde, und der Zitronenfalter fühlte sich wohl und war glücklich. Nach einer Weile lernte der Zitronenfalter einen geheimnisvollen Nachtfalter kennen – und verliebte sich in ihn. Auch der Nachtfalter empfand mehr als Freundschaft für den Zitronenfalter, und so verbrachten sie sehr viel mehr Zeit miteinander als mit ihren Freunden. Der Zitronenfalter traf seine Freunde gelegentlich noch, der Nachtfalter jedoch zog sich von den seinen fast vollständig zurück, ja stieß sie zum Teil von sich. Das machte den Zitronenfalter recht traurig, aber er konnte nichts dagegen tun. Eines Tages flog der Nachtfalter seine Runden alleine – er wollte nicht länger mit dem Zitronenfalter zusammen sein. Den Grund dafür mochte er dem Zitronenfalter nicht verraten – oder er wußte ihn möglicherweise in der Tat selbst nicht. Der Zitronenfalter war ungeheuer traurig, wieder alleine zu sein, ohne seinen Nachtfalter. Zuerst flatterte der Zitronenfalter viel umher, lenkte sich mit seinen mittlerweile zahlreichen Freunden ein wenig von seiner tiefen Trauer ab. Dann bemerkte er, daß ein Freund aus seiner Umgebung ein Zauberer war, der den kleinen Zitronenfalter völlig in seinen Bann zog. Der kleine Zitronenfalter war sehr verwirrt. Der Zauberer war ein sehr guter Freund, doch er empfand nicht mehr für den Falter. Das schmerzte den kleinen Zitronenfalter so sehr, daß er bei dem Nachtfalter, der ein guter Freund geworden war, Trost suchte. Bald jedoch wollte der Nachtfalter keinen Trost mehr spenden, solange der Zitronenfalter den Grund seiner Traurigkeit nicht preisgeben wollte. Der Zitronenfalter faßte sich ein Herz und erzählte von dem Zauberer, doch die Reaktion des Nachtfalters blieb ihm als undurchschaubar im Gedächtnis eingebrannt.

Um sich wieder mehr von seinem Schmerz und seiner Trauer abzulenken, wollte der Zitronenfalter einem alten Hobby nachgehen. Dazu sprach er einen früheren Wegbegleiter des Nachtfalters, das Tagpfauenauge, an. Das elegante Tagpfauenauge war hocherfreut, etwas Zeit mit dem gemeinsamen Hobby zu verbringen. Sie trafen sich und verstanden sich gleich sehr gut. Doch aus irgendeinem Grunde ging der Nachtfalter wieder zu dem Tagpfauenauge, um mit ihm zu sprechen, obwohl er vorher lange Zeit so getan hatte, als habe er es nicht gekannt. Hatte der Nachtfalter schon immer wieder mit dem Tagpfauenauge reden wollen und deshalb dem Zitronenfalter geholfen, das Tagpfauenauge kennenzulernen? Wollte der Nachtfalter wieder ebensogut mit dem Tagpfauenauge befreundet sein wie lange Zeit zuvor? Mißtraute der Nachtfalter der neuen Freundschaft zwischen dem Zitronenfalter und dem Tagpfauenauge?

Das weiß alleine der Nachtfalter, doch ob er jemals sein Geheimnis preisgeben wird, ist ungewiß. Zurück bleibt ein trauriger, verwirrter Zitronenfalter inmitten der Trümmer und Scherben seiner Gefühle, aus denen er fortan zu entfliehen suchte.