Moritz
Das bislang wichtigste Tier in meinem Leben war unser Hund Moritz. Ein »Mischling aus Igel, Elefant und Schmetterling« – wie mein Opa immer auf Anfrage zu sagen pflegte. Naja, Igel, Elefant und Schmetterlinge sind zwar wirklich inkompatibel, aber was nun wirklich drinsteckte an Rassen in unsrem Kleinen wußten wir nicht. Das war auch egal.
Wie kamen wir zu diesem Spatz? Nun, er ist uns zugelaufen. Mein Paps fand ihn eines Tages vor dem Kiosk ... ein abgemagertes, zusammengerolltes und frierendes Bündel! Natürlich wurde er als erstes ins Warme geholt und – mangels gescheiten Futters – mit Keksen gefüttert. Ich brachte dann, bevor ich zur Schule ging, ein paar belegte Brote mehr mit runter, und später wurde dann richtiges Futter und eine Leine organisiert. Derweil lag der kleine, völlig durchgefrorene Fratz auf der Gasheizung unter dem Arbeitstisch.
Wem gehörte es nun, das Häufchen Elend? Wir hatten keine Ahnung, denn wir hatten den kleinen Kerl noch nie zuvor gesehen. Er mußte irgendwo anders zu Hause sein. Weil wir nichts weiter zu tun wußten, haben wir ihn erst einmal bei uns behalten und uns um ihn gekümmert. Erstaunlich war, daß er schon sehr gut gehorchte, obwohl er vermutlich erst ein halbes Jahr alt und noch nicht ganz ausgewachsen war. Daß er ausgesetzt worden war konnten wir uns nicht vorstellen, eher lag die Vermutung nahe, daß er ausgebüxt war.
Nun, ihn immer nur ›Hund‹ zu nennen war uns sehr schnell über, und meine Mutter kam nach einem langen, tiefen Blick in seine Augen (ja, mit diesem Hund konnte man das tatsächlich machen!) schließlich auf den Namen, den er fortan bei uns haben sollte: Moritz!
Abends dann bekam unser frischgetaufter Moritz meinen uralten Babyschlafsack, in den er sich auch gleich freudig einkuschelte und aus dem er sogleich jeden, der ihn dann noch ansprach, anknurrte. Sein Platz war in einer Nische in der Küche, denn alles mit Teppich war erst einmal tabu, das Bad auch. Nun, der arme Kerl hatte sich offensichtlich arg erkältet, denn in der Nacht fing er an zu wimmern. Nachdem wir nachschauten fanden wir eine Lache und ein Häufchen vor – obwohl er abends noch einmal ausgiebig draußen war. Was nun? Ausschimpfen ... aber das war gar nicht nötig, denn Moritz wußte sehr genau, daß das nicht richtig gewesen war; er verkroch sich ganz tief in seinem Schlafsack und guckte scheu, ja beinahe schuldbewußt. Der kleine Kerl war offensichtlich tatsächlich schon stubenrein! Nun, wir vermuteten, daß es einfach zu kühl war in der Küche (es war gerade erst Ende März). Da durfte er dann doch ins Bad mit der leicht angestellten Heizung.
Am nächsten Tag bin ich dann freudig mit ihm spazierengegangen – ich wollte ja schon immer einen Hund haben, nur meine Eltern haben immer gestreikt: »Zu viel Arbeit!« – »Wer soll sich um ihn kümmern? Da braucht man doch viel Zeit!« Doch als Moritz da war, das war quasi gar keine Frage, war er gleich in die Familie aufgenommen worden.
Am Abend wartete ich dann gespannt zu Hause, daß Moritz mit meinem Vater zum Abendessen erscheint ... doch Paps kam ohne meinen neuen Freund zurück! Der Besitzer hatte ihn abgeholt. Weltuntergang!!! Ich habe mich den ganzen Abend heulend ins Zimmer verkrochen und wollte niemanden sehen.
Am folgenden Tag kam ich dann aus der Schule ... und wieder kein Moritz im Laden. *SniEfZ* Ich hatte schon davon geträumt, daß er doch wieder da sei ... Meine Mutter war allerdings ganz erstaunt, daß ich mit dem Bus nach Hause kam ... alleine ... worüber wiederum ich mich wunderte, denn ich kam immer mit dem Bus nach Hause ... alleine ... Aber an jenem Tage sollte wohl mein Vater mich abfangen, was bei zwei Schulausgängen in zwei verschiedenen Straßen jedoch alles andere als ein leichtes Unterfangen ist! Der Grund dafür? Ganz einfach: Moritz war tatsächlich wieder da!!! Paps wollte mich überraschenderweise mit ihm abholen ... Und wenige Augenblicke nachdem meine Mom mir dies erklärt hatte, bog auch schon unser Auto um die Ecke. Natürlich bin ich – mich irrsinnig freuend – rausgerannt und habe Moritz durchknuddelnd begrüßt.
Warum uns Moritz nun wirklich von seinem Besitzer angeboten wurde, das weiß keiner so genau, aber da jener ein viel im Auto reisender Vertreter war – was Moritz' Autofahrsucht erklärte ;o) – ist die Begründung von viel Auslauf und Bewegungsdrang, die der Fratz in der Tat hatte, durchaus plausibel. Aber das ist im Endeffekt auch egal, denn wir haben immer gesagt, daß Moritz uns gesucht und gefunden hat! Sogar meine Mom, die zuvor ziemliche Angst vor Hunden hatte, schloß den Kleinen sofort ins Herz.
Dieser Mischlingshund hat mir wirklich immer wahnsinnig viel Freude bereitet, war wie ein Brüderchen für mich, das ich niemals hatte. Umso schlimmer traf es mich, als er einmal sehr krank wurde. Und noch viel, viel schlimmer als er schließlich eingeschläfert werden mußte, weil sein ganzes Bäuchlein voller Metastasen war. Aber vergessen werde ich diesen munteren Springinsfeld niemals!!!
Wir begegnen in unserem Leben vielen Wesen auf dieser Welt, doch manche hinterlassen ganz besondere Spuren ... so wie Moritz.